Betriebs- und Personalräte könnten „autonome Software-Systeme“ für sich nutzen

Derzeit legen viele Akteure aus Gewerkschaften, Betriebs- und Personlaräte den Schwerpunkt bei der Gestaltung digital-virtueller Arbeitswelten auf den Bereich der „nachholenden Digitalisierung“ (Forum Soziale Technikgestaltung). Damit werden die Einführungen von Technologien bezeichnet, die es zwar als Technikentwicklungen schon seit 10, 15 oder 20 Jahren gibt, nun aber erst zur Implementierung kommen. Dort, wo sie heute eingesetzt werden, empfinden die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer diese Anwendungen als „neu“. Doch Smartphones, elektronische Lernumgebungen, mobiles Arbeiten, alternierende Telearbeit, HomeOffice-Lösungen, Softwareagenten, Internet der Dinge, elektronische Aktenführungen, Teile der KI etc. sind seit eineinhalb oder gar zwei Jahrzehnten vorhanden. Nicht selten sind es unerledigte Hausaufgaben, die bei der Modernisierung von Arbeitsumgebungen versäumt und nun nachgeholt werden.

Doch heute bedarf es viel Aufmerksamkeit und Energie für die „Digitalisierung hinter der Digitalisierung“ (Forum Soziale Technikgestaltung). Damit sind insbesondere Technologien gemeint, die als Software in der Lage sind, „selbst zu lernen“ und in Echtzeit „selbst zu entscheiden“. Die „autonomen Software-Systeme“ (ASS) stellen eine der wichtigsten Herausforderungen für die Arbeitswelten dar. Die ASS beanspruchen, anstelle des Menschen rechtsverbindliche Entscheidungen (Transaktionen) zu treffen.

Ihre Einführungen beginnen nicht nur in Produktion und Fertigung sondern ebenso in Dienstleistung und öffentlicher Verwaltung. Das gewerkschaftliche Handeln muss um den Praxisbaustein der „vorausschauenden Arbeitsgestaltung“ erweitert werden.

Die Diskussionen des Netzwerkes „Forum Soziale Technikgestaltung“ (FST) eröffnen zugleich den Blick auf neue Möglichkeiten des Agierens von Betriebs- und Personalräten. ASS sind nicht nur Objekte der Gestaltung. Sie könnten auch Elemente einer verbesserten Betriebsarbeit und ein Fundament betrieblicher Mitbestimmung sein. Im Zusammenhang mit dem FST-Projekt „BetriebsratsArbeit auf Basis ,autonomer Software-Systeme‘“ (BABSSY) entstehen Überlegungen zu möglichen Nutzungen der ASS durch die Beschäftigtenvertretungen selbst. ASS könnten Instrumente neuartiger Praxis sein.

Stellen wir uns vor, jede Beschäftigtenvertretung hätte eine Art Online-Unterstützung (Assistenz) in Gestalt eines „selbstlernenden“ Software-Werkzeuges. Kolleginnen und Kollegen, die im Betrieb im Prozess der Mitbestimmung mit Themen konfrontiert werden, zu denen keine direkte Antwort vorliegt, könnten es aufrufen. Wenn ein ASS-Tool unscharfe Fragen, unscharfe Satzteile, erfahrungsgeleitete Begriffe eingegeben bekommt, könnte das Tool als Antworten sowohl Zusammenhänge zwischen verschiedenen Themen wie auch Verweise auf Sach- und Fachwissen bereitstellen. Es wäre ein Modell, das unscharfe Fragen eines Laien hinführt zu verläßlichen konkreten interessensorientierten Antworten. Das Software-System „lernt“ durch häufige Nutzung und wird zu einem dynamischen Beratungsassistenten. Es könnte dazu verhelfen, komplexe Zusammenhänge inhaltlich zu über—setzen, um es durch Reduzierung von Komplexität Laien leichter zu machen, Gestaltungskompetenz zu verbessern.

Wir müssen die Vier-Null-Welt aus der Perspektive der Zukunft heraus gestalten. Mit dem Blick der Vergangenheit werden wir wohl zumeist nur unerledigte vergangene Hausaufgaben lösen. Wir sollten mutiger sein.

 

Verengungen im Blick auf die KI

Eine gemeinsam von der Integrata-Stiftung, des Weltethos-Institutes und der Giordano-Bruno-Stiftung organisierte öffentliche Fachtagung zur gesellschaftlichen Bedeutung der Entwicklung von KI (Künstliche Intelligenz) wollte die Gestaltungskompetenz auf Seiten der Bürgerinnen und Bürger stärken.

Dabei verengte sich der Diskurs in Tübingen allerdings auf zwei technische Innovationen – die jenseits von Wirtschafts- und Arbeitswelt verortet wurden. Im Zentrum standen die Potentiale selbst fahrender Autos und selbst laufender Roboter. Im KI-Diskurs gelten diese beiden Anwendungen eher nicht als zentraler Fokus der Herausforderungen. Denn sie sind letztlich nur der Hardware-Schlusspunkt einer ansonsten primär softwaretechnischen Entfaltung.

Einer der wichtigen Schlüssel zur Potentialanalyse der KI liegt – gemäß des Beitrages des Forum Soziale Technikgestaltung – in der Einschätzung und interessensorientierten Beeinflussung „autonomer Software-Systeme“ wie etwa „Watson“ von IBM. Wer gesellschaftspolitisch – zu Recht – Einfluss auf die KI-Entwicklung nehmen will, muss den Blick wechseln: Nicht vom Endgerät (Roboter, Auto, Hardware) wäre zu schauen, also vom „front end“ her, sondern von der Steuerungsebene her, vom „back end“, gilt es sich zu nähern.

Die Kernfrage lautet: Welche gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Interventionen bereiten den Weg zur Demokratisierung des „back end“? Wie demokratisieren wir die Algorithmen? Dabei wäre die Gestaltung dieser selbstlernenden Software-Systeme in der Arbeitswelt objektiv der zu erwartende Pionierfall. – Dies wäre ein mutiges Thema für die nächste KI-Tagung des Tübinger Dreigestirns.

 

Mit dem Algorithmus auf Du und Du

In der Diskussion von Betriebsräten über die soziale Gestaltung von „Arbeit 4.0“ rücken immer mehr die sogenannten „Autonomen Software-Systeme“ in den Vordergrund. Damit sind nicht Roboter oder selbstfahrende Transportsysteme gemeint sondern Software. „Autonome Software-Systeme“ sollen in die Lage versetzt werden, selbst zu „lernen“, selbst zu „denken“ und selbst „Entscheidungen zu treffen“. Diese „intelligente“ Software soll Arbeits- und Geschäftsprozesse steuern. In Echtzeit.

„Autonome Software-Systeme“ (ASS) lassen sich im Moment vor allen Dingen in geschlossenen oder genau umrissenenen Netzzusammenhängen verwenden. Diese Versionen der ASS benötigen dazu vorbereitete Datenspeicher („Datensilos“), die in hoher Geschwindigkeit Informationen auswerten und diese in Entscheidungsabläufe verwandeln. Eine der bekanntesten Varianten dieses Typs von ASS ist das IBM-System „Watson“.

Am Horizont sind aber schon Pilotierungen erkennbar, die ASS auch in offenen betriebsübergreifenden Wertschöpfungsprozessen, im Handel und in der Erstellung von Kundenprofilen einsetzen wollen.

Ein global handelnder Technologiekonzern mit vielen tausend Beschäftigten und mehreren Werken in der Bundesrepublik hat beschlossen, die Produktion und die Dienstleistungen mit Hilfe von „Watson“ Standorte übergreifend in überschaubarer Zeit neu zu organisieren. Damit werden Arbeitsabläufe und Prozessketten erheblich umgestellt. Aus Sicht der Unternehmensleitung entstehen Effizienz- und Effektivitätsgewinne.

Ein bundesdeutscher Dienstleistungsanbieter mit großer Beschäftigtenzahl beginnt seinen internen Umbau mit der geplanten Integration von „Watson“ in die Verwaltungsabläufe. Damit sollen Verfahren Standorte übergreifend beschleunigt und die Bescheide qualifizierter werden.

Es ist unverkennbar, dass die Anwendung der „Autonomen Software-Systeme“ die Arbeitswelt in wenigen Jahren durchdringen werden. Dabei wird die Gestaltungskompetenz von Betriebsräten erheblich herausgefordert. Es lässt sich von einer Digitalisierung hinter der Digitalisierung sprechen.

 

25 Jahre Forum Soziale Technikgestaltung

Am 7. Oktober 1991 wurde in Stuttgart das „Forum Soziale Technikgestaltung“ (FST) als Personennetzwerk „beim DGB Baden-Württemberg“ gegründet. Aus dem Kreis von ehemals 120 Kolleginnen und Kollegen aus allen Gewerkschaften erwuchs inzwischen (bis zum 7. Oktober 2016) ein Netzwerk von dreitausend Frauen und Männern aus Betriebs- und Personalräten, aus Vertrauensleuten und Erwerbssuchenden, aus Produktion und Dienstleistung, aus großen und kleinen Betrieben, aus Verwaltung und Handwerk, aus Wissenschaft und Forschung. Seit 25 Jahren sind die KollegInnen ehrenamtlich mit einer ehrenamtlichen Netzwerkleitung aktiv. Der Impuls zur Gründung ging von der späteren Netzwerkleitung aus.

1991 gaben der damalige Vorsitzende des DGB Baden-Württemberg Siegfried Pommerenke, der damalige baden-württembergische IG Metall-Bezirksleiter Walter Riester, der damalige Vorsitzende der GEW Baden-Württemberg Rainer Dahlem und die damalige Vorsitzende der Gewerkschaft ÖTV Monika Wulf-Mathies diesem neuartigen Experiment eines horizontalen Ansatzes gewerkschaftlicher Arbeit starken Rückenwind. Beim zehnjährigen Bestehen des FST im Jahr 2001 trafen sich der damalige IG Metall Bezirksleiter Berthold Huber und die ehemaligen Bezirksleiter Ernst Eisenmann und Gerhard Zambelli. In jenen Zeiten war auch Joseph Weizenbaum zu Gast.

Von Anfang an standen die Potentiale und Auswirkungen der Informatisierung und Kommunikationstechnik, von Multimedia und Digitalisierung in der Arbeitswelt im Zentrum der Aktivitäten des FST. Im Gründungsjahr des Forums wurde das Internet für öffentliche und wirtschaftliche Nutzungen freigeschaltet und der Gesellschaft zugänglich gemacht.

Das „Forum Soziale Technikgestaltung“ entstand zum einen als Reaktion auf die Zerschlagung der einzigen baden-württembergischen „Kooperationsstelle Hochschule und Gewerkschaften“ und zugleich im gewerkschaftlichen Vorgriff auf die Eröffnung der „Akademie für Technikfolgenabschätzung Baden-Württemberg“. Das FST hat die Akademie überlebt.

Heute befasst sich das Netzwerk schwerpunktmäßig mit der sozialen Gestaltung der digitalen Transformation („Industrie 4.0“, „Arbeit 4.0“, „Verwaltung 4.0“, „Handwerk 4.0“, „Prävention 4.0“). Das FST unterstützt Initiativen in der Arbeitswelt durch die Vermittlung von verständlichem Orientierungs- und Gestaltungswissen. Anfragen zu gezielten betrieblichen Beratungen werden an die entsprechenden gewerkschaftlichen Einrichtungen und Partner weitergereicht.

Für die Arbeit des Forum Soziale Technikgestaltung sind nicht nur die aktuell im Betrieb eingeführten Technologien von Bedeutung. Das FST will auch die zukünftigen Potenziale und Dynamiken der digitalen Transformation vorausschauend würdigen. Die Beschäftigten sollen beim Erwerb von Gestaltungskompetenz Unterstützung erhalten.

 

Werkstattgespräche 2015 – 2016

Unter dem Titel „Zukunft der Arbeit – Gestaltungspotenziale für ,Industrie 4.0’“ startet am 27. April die Reihe „Werkstattgespräche 2015-2016“ in Stuttgart und Heidelberg, um die Gestaltungskompetenz von Betriebsräten und Beschäftigten zu stärken. In gemeinsamer Trägerschaft laden Netzwerk ZIMT in der Metropolregion Rhein-Neckar, IG Metall Verwaltungsstelle Heidelberg und Forum Soziale Technikgestaltung ein. Unterstützt wird die Initiative von Ministerium für Finanzen und Wirtschaft Baden-Württemberg, Ressort Zukunft der Arbeit des IG Metall Vorstandes, IG Metall Bezirksleitung Baden-Württemberg, ITK-Arbeitskreis des IG Metall Bezirks Baden-Württemberg und DGB Bezirk Baden-Württemberg. Konzeption und Programm des Auftaktes siehe Link.