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Welf Schröter (Hg.): Autonomie des Menschen – Autonomie der Systeme. Humanisierungspotenziale und  Grenzen moderner Technologien

Hilfreiches Buch aus den Diskussionen des Forum Soziale Technikgestaltung zur sozialen und humanen Gestaltung digitaler Arbeitswelten („Arbeit 4.0“)

Buchangaben: Welf Schröter (Hg.): Autonomie des Menschen – Autonomie der Systeme. Humanisierungspotenziale und Grenzen moderner Technologien. Mössingen 2017, 376 Seiten, 39,00 €, ISBN 978-3-89376-172-2. Bezieherinnen und Bezieher des FST-Newsletters können den Band zum Organisationspreis von 30,00 Euro durch direkte Bestellung bei Welf Schröter erhalten: schroeter@talheimer.de

 

Hinter der sich seit mehreren Jahrzehnten durchsetzenden Digitalisierung von Produktion, Dienstleistung, Arbeit, Verwaltung, Konsum und Freizeit treten die Möglichkeiten autonomer Software-Systeme als bestimmende Faktoren der nahen Zukunft hervor. Dabei wird an die Stelle der traditionellen Handlungsträgerschaft Mensch immer mehr eine neue Handlungsträgerschaft „autonomes Software-System“ treten. Dieses „lernt“, „denkt“, „bewertet“, „verarbeitet“, „kommuniziert“ und „entscheidet“ anstelle des Menschen, gleichsam hinter dem Rücken des Menschen. Aus der Mensch-Mensch-Kommunikation wird über eine Mensch-Maschine-Kommunikation die Maschine-Maschine-Kommunikation. Autonome Software-Systeme verknüpfen sich zudem mit humanoider Robotik, dem 3-D-Druck und autonom mobilen Transporttechniken. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass autonome Software-Systeme in der Lage sind, ihre Transaktionen in Echtzeit durchzuführen.

Dem Menschen geraten Arbeitsprozesse und assistierte, autonome Handlungen immer mehr außer Sicht. Die Aktivitäten autonomer Systeme sind in ihrer Abstraktion, Geschwindigkeit und in ihrer zunehmenden Komplexität für den Menschen kaum mehr nachvollziehbar. Drastisch komplexitätserhöhend wirken diese Anwendungen aus der Welt von „Arbeit 4.0“, wenn sie nicht nur in den Beruf sondern vor allem auch in den zivilgesellschaftlichen Lebensalltag einwandern. Die Spannung zwischen der Autonomie des Menschen und der Autonomie der (Software-)Systeme wird zu einer gesellschaftspolitischen Herausforderung.

Das Forum präsentiert Analysen und Denkansätze von Autorinnen und Autoren, die in unterschiedlicher Weise mit unserem Netzwerk verbunden sind und darin wirken. Zudem enthält der Band einen umfangreichen Bericht des Forum Soziale Technikgestaltung, in dem die Beratungen von Kolleginnen und Kollegen in anonymisierter Form ergebnisorientiert zusammengefügt sind: „Selbstbestimmung zwischen ,nachholender Digitalisierung‘ und ,autonomen Software-Systemen‘. Wenn Betriebsräte ,vorausschauende Arbeitsgestaltung‘ erproben“. In diesem Bericht sind Handlungsimpulse, 25 Eckpunkte für eine Betriebsvereinbarung zu kooperativem Changemanagement und 7 Eckpunkte für eine beginnende Diskussion der Demokratisierung von Algorithmen zu finden.

Das neue FST-Buch mit 376 Seiten enthält Beiträge von Klaus Kornwachs, Simone Kimpeler, Bruno Gransche, Jutta Rump, David Zapp, Silke Eilers, Matthias Mayer, Dirk Balfanz, Heiner Keupp, Oleg Cernavin, Eberhard Schick, Michael Schwemmle, Raphael Deimel, Hans-Ernst Böttcher, Jörn von Lucke, Katharina Große, Dieter Klumpp, Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Welf Schröter, Irene Scherer.

+++ Inhalt des Bandes

Welf Schröter, Irene Scherer
Autonomie des Menschen – Autonomie der Systeme. Eine Einleitung

Klaus Kornwachs
Der Herr der Dinge oder warum wir unsere Geschöpfe an die Hand nehmen sollten

Simone Kimpeler, Bruno Gransche
Digitale Arbeitswelt 2030 – urban, kollaborativ und quantifiziert?

Jutta Rump, David Zapp, Silke Eilers
Vom Arbeiten 4.0 zur Führung 4.0

Matthias Mayer
Selbstbestimmung. Ein philosophischer „Nachwinter“

Dirk Balfanz
Autonome Systeme. Wer dient wem?

Heiner Keupp
Die erschöpften Subjekte und die Revolution Arbeit 4.0

Oleg Cernavin
Betriebliche Prävention 4.0. Der Mensch im Prozess der digitalen Arbeit

Welf Schröter
Selbstbestimmung zwischen „nachholender Digitalisierung“ und „autonomen Software-Systemen“. Wenn Betriebsräte „vorausschauende Arbeitsgestaltung“ erproben

Eberhard Schick
Aspekte von agilem bzw. flexiblem Arbeiten bei SAP

Michael Schwemmle
Humanisierung qua Digitalisierung? Befunde zu einer uneingelösten Hoffnung

Raphael Deimel
Hilfe, die Roboter ersetzen uns!

Hans-Ernst Böttcher
Autonomie und Recht – oder: Autonomie im Recht

Jörn von Lucke, Katharina Große
Smart Government. Offene Fragen zu autonomen Systemen im Staat 4.0

Dieter Klumpp
Künstliche Autonomie und Künstliche Intelligenz in der Digitalmobilität

Heinrich Bleicher-Nagelsmann
„Ich möchte schreiben, nur so kann ich existieren“. Widerständige Autonomie in der Selbstreflektion und Werken von Autorinnen und Autoren

Welf Schröter, Irene Scherer
Autonomie – Fragment des immer Unfertigen? Sozialpädagogische Annäherungen an den Begriff „Autonomie“ – Eine nicht-virtuelle Miniatur zum 90. Geburtstag von Anne Frommann

Autorinnen und Autoren

Buchveröffentlichungen aus der Arbeit des Forum Soziale Technikgestaltung

+++ Aus der Einleitung

Der vorliegende Band wendet sich im Rahmen des Diskurses über die digitale Transformation den Möglichkeiten der sozialen Gestaltung, den Chancen, den Humanisierungspotenzialen und Grenzen moderner Technologien zu. Das zusammengetragene Wissen und die Sammlung an praktischen Erfahrungen folgen einem pluralistischen Denken, wollen ermutigen, ohne der Naivität Vorschub zu leisten. Der Weg ist offen. Es ist noch nicht entschieden, wie gut der Wandel gelingt. Dass er gelingen möge, ist das gemeinsame Anliegen aller Autorinnen und Autoren.
Es geht um die Anstrengung des Begriffes, um das Verstehen und den Aufbau von Handlungs- und Gestaltungskompetenz, um Partizipation, um Beteiligung, um Mitbestimmung im Feld der sich umformenden Arbeitswelten und der technischen Treiber. Ob sich die Autonomie des Menschen und die Autonomie der Systeme konfrontativ begegnen oder sich antithetisch dialektisch im Besseren aufheben, wird später zu beurteilen sein. Fest steht allenthalben, dass eine reine markt- und technikorientierte Transformationsstrategie wohl kaum einen nachhaltigen Erfolg erbringen kann. Da sprechen die Erfahrungen aus den achtziger und neunziger Jahren aus der Zeit der „Toyotismus“-Kontroverse dagegen. So setzen sich alle Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Perspektiven für die Aufwertung der sozialen und „weichen“ Faktoren im Vorgang der Veränderung ein. In diesen Faktoren liegt letztlich das Potenzial des Erfolgs.
Als Anlass für diesen argumentationsreichen Diskursband ist das Jubiläum des besonderen Personennetzwerkes „Forum Soziale Technikgestaltung“ (FST) zu sehen, zu dessen 25. Geburtstag die strukturierte Textsammlung als Nachgang erscheint. Das gewerkschaftsnahe FST – gegründet im Jahr 1991 – mit seinen ehrenamtlich tätigen mehr als 3.450 Frauen und Männern aus Betriebs- und Personalräten, aus Wissenschaft, Gewerkschaften und Arbeitswelt, aus Produktion, Dienstleistung und Verwaltung ist dem Ansatz einer konstruktiven partizipativen Technikgestaltung „von unten“ verpflichtet. Fachwissen und Erfahrungswissen bündelt sich handlungsorientiert auf gleicher Augenhöhe.  Die Autorinnen und Autoren dieses Buches sind in unterschiedlicher Weise in Arbeitsbeziehungen mit dem Forum Soziale Technikgestaltung verflochten. Die Beiträge fußen auf einer Eingangs-hypothese, thematisieren Grundlinien der digitalen Transformation und beantworten in toto plural drei Leitfragen:
Hinter der sich seit mehreren Jahrzehnten durchsetzenden Digitalisierung von Produktion, Dienstleistung, Arbeit, Verwaltung, Konsum und Freizeit treten die Möglichkeiten autonomer Software-Systeme als bestimmende Faktoren der nahen Zukunft hervor. Dabei wird an die Stelle der traditionellen Handlungsträgerschaft Mensch immer mehr eine neue Handlungsträgerschaft „autonomes Software-System“ treten. Dieses „lernt“, „denkt“, „bewertet“, „verarbeitet“, „kommuniziert“ und „entscheidet“ anstelle des Menschen, gleichsam hinter dem Rücken des Menschen. Aus der Mensch-Mensch-Kommunikation wird über eine Mensch-Maschine-Kommunikation die Maschine-Maschine-Kommunikation. Autonome Software-Systeme verknüpfen sich zudem mit humanoider Robotik, dem 3-D-Druck und autonom mobilen Transporttechniken. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass autonome Software-Systeme in der Lage sind, ihre Transaktionen in Echtzeit durchzuführen.
Dem Menschen geraten Arbeitsprozesse und assistierte, autonome Handlungen immer mehr außer Sicht. Die echtzeitstrukturierten, rechtsverbindlichen Transaktionen autonomer Systeme sind in ihrer Abstraktion, Geschwindigkeit und in ihrer zunehmenden Komplexität für den Menschen kaum mehr nachvollziehbar. Drastisch komplexitätserhöhend wirken diese Anwendungen aus der Welt von „Arbeit 4.0“, wenn sie nicht nur in den Beruf sondern vor allem auch in den zivilgesellschaftlichen Lebensalltag einwandern. Damit gerät die Virtualisierung von Arbeit nicht mehr nur zur Simulation von Tätigkeit sondern auch deren möglicher Substitution. Die Spannung zwischen der Autonomie des Menschen und der Autonomie der (Software-)Systeme wird zu einer gesellschaftspolitischen Herausforderung.
1. Wie werden sich autonome Software-Systeme auf die Zukunft der Arbeit auswirken?
2. Wie verändern sie die Autonomie und die Selbstbestimmung des Menschen?
3. Welche gesellschaftspolitischen Folgen im Hinblick auf den sozialen Zusammenhalt sind erkennbar?
Die Ergebnisse des vielfältigen Nachdenkens stellen Zwischenschritte des Handelns dar. Sie fügen Werkstattberichte, Erfahrungen, Analysen, Blitzlichter, Empfindungen zu einem unfertigen und noch widersprüchlichen Mosaik zusammen. Das Werden ist noch längst nicht abgeschlossen. Die große Leistung aller inhaltlichen Beiträge liegt in der Betonung eines gemeinsamen verknüpften Diskurses, die offene Interaktion und Kommunikation. Daran gilt es kooperativ festzuhalten.
Klaus Kornwachs eröffnet den Band mit der Behandlung der Frage, was denn unter „Autonomie“ zu verstehen sei und was maximal unter „autonomer“ Technik verstanden werden könnte. Philosophisch und technikhistorisch ebnet er den Weg in das Verständnis eines Spannungsgefüges zwischen technischen Möglichkeiten und menschlichem Wollen, zwischen Assistenz und Substitution. Seine Sicht auf Software-Anwendungen wie Big Data zielt auf den Dreh- und Angelpunkt der Verantwortung: Wer ist das Subjekt? Klaus Kornwachs plädiert für Einmischung und Gestaltung. Nicht die Technik, sondern die Aufklärung des handelnden Menschen steht im Mittelpunkt: „So führt ein Mangel an technologischer Aufklärung und ein gewisser technologischer Laizismus (,davon verstehe ich ja ohnehin nichts‘) zu einem schleichenden Verlust von Autonomie und damit auch der Menschenwürde.“
Einen fachlich fundierten Blick in die nahe Zukunft liefert das Autorenteam Simone Kimpeler und Bruno Gransche. Es sucht nach Einzeltrends und Treibern, die den Wandel in den kommenden 15 Jahren mit beeinflussen: „Aus der Perspektive der Zukunftsforschung oder auch Foresight (dt. Vorausschau) bedarf es im Kontext des Wandels der Arbeitswelt einer tieferen Analyse des Wechselspiels technologischer Perspektiven und gesellschaftlichem Wandel und daraus resultierender möglicher neuer Bedarfe in Bezug auf die Gestaltung und Organisation von Arbeit.“ Das Team identifiziert Trendcluster und Einflussfaktoren, die die Nutzung autonomer Technik-Systeme umgeben.
Große Megatrends in der Arbeitswelt und ihre Auswirkungen auf Führung und Arbeit analysieren und beschreiben Jutta Rump, Silke Eilers und David Zapp. Zentrale Spannungsfelder im Kontext der Unternehmensführung und die Anforderungen an neue Modelle der Arbeitsorganisation bilden wesentliche Eckpunkte ihrer wissenschaftlichen Darstellung. Als wichtigen Gesichtspunkt zukunftsträchtiger Führungskulturen nennt das Team die Partizipation: „Demokratisierung in der Führung geht einher mit Streben nach hierarchiefreier Kommunikation und Kooperation sowie der Beteiligung an Entscheidungs(findungs-) prozessen.“
Der Tübinger Philosoph und Theologe Matthias Mayer wendet sich den Begriffen „Selbstbestimmung“ und „Bewusstsein“ zu und sucht deren philosophiegeschichtliche Ursprünge. Er verweist auf Kant und Adorno. Dort findet sich jener Kant’schen Kernsatz ‒ „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ ‒, den Matthias Mayer in die Gegenwart dreht: „Vielmehr ist Aufklärung, als wirkliche Abhilfe, ein Prozess der Gegenseitigkeit und damit selbst wieder ein Akt der Solidarität, nämlich den anderen in seinem Unwissen nicht alleine zu lassen.“
In betonter nüchterner Analyse nähert sich Dirk Balfanz der Art und Weise, wie moderne Technik zwar autonom erscheint, dies aber nicht leistet: „Kernthese dieses Beitrags ist, dass noch immer gilt: der Mensch dient nicht der Maschine, sondern diese den Zwecken des Menschen.“ Zurückhaltend bewertet der Autor die technischen Versprechen von Autonomie. Technik wirkt „intelligent“ und „autonom“, basiert aber immer noch auf zumeist automatenhafter Architektur: „Auch im Jahre 2017 ist (noch) keine technische Autonomie in Sicht; […] Hochautomatisierte Systeme verleiten durch die Anmutung ihrer Aktionen dabei zu Falschzuweisungen an Autonomie/Intelligenz und (gefährlichen) Fehleinschätzungen ihrer Leistungsfähigkeit.“
Die Ambivalenzen der digitalen Transformation betrachtet Heiner Keupp aus sozialpsychologischer Sicht. Er diagnostiziert ein ideologisch getriebenes Leistungs- und Menschenbild, das zur Selbstüberforderung und zur psychischen Erschöpfung führt und vor allem eine „ständige Zunahme von psychischen Belastungen und massiven psychosozialen Problemen“. Die „Lebensgestaltung“ der Menschen wird verändert: „Auch die biographischen Ordnungsmuster erfahren eine reale Dekonstruktion. Am deutlichsten wird das in Erfahrungen der Arbeitswelt.“ Für ein „gelingendes Leben“ fordert er eine „Kultur des Scheiterns“, weil „Scheitern vermehrt zu unserer Erfahrung gehört, weil Scheitern die Basis für Lernprozesse ist, weil Scheitern die Chance zum Neuanfang enthält und weil Scheitern ein Tabu ist.“
Mit dem Wandel der Handlungsträgerschaft vom Menschen zur Software 4.0 und mit den gestalterischen Herausforderungen für den Arbeitsschutz und die betriebliche Prävention setzt sich Oleg Cernavin auseinander: „Mit zunehmender Autonomie der Software verändert sich der Status des Menschen.“ Unter betrieblicher Prävention versteht der Verfasser „alle vorausschauenden und vorbeugenden Entscheidungen, die dazu beitragen, im Betrieb und in der Wertschöpfung alle Prozesse, Umgebungen und Dinge sicher und gesund, produktiv und nachhaltig zu gestalten.“ Handlungsorientiert fordert er: „Die Handlungsträgerschaft von Software 4.0 darf grundlegende ethische Werte der Gesellschaft und der Arbeit nicht beeinträchtigen, wie Persönlichkeitsentfaltung, Handlungsfreiheit oder seine Sicherheit und Gesundheit.“
Einblicke in die Erfahrungen von Beschäftigten, Betriebs- und Personalräten mit konstruktiver, partizipativer und sozialer Technikgestaltung „von unten“ eröffnet ein großer Diskursbericht von Welf Schröter. Über einen längeren Zeitraum führte das Forum Soziale Technikgestaltung strukturierte Beratungen mit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zur „vorausschauenden Arbeitsgestaltung“ als dringlichem Paradigmenwechsel im gewerkschaftlichen Denken und Handeln durch. Die Auswertung zeigt, wie weit und wie rasch der Prozess des Umbaus der Arbeitswelten von der „nachholenden Digitalisierung“ zur Einführung „autonomer Software-Systeme“ voranschreitet. Der Beitrag stellt zudem 25 Eckpunkte für die mögliche Praxis einer Experimentier-Betriebsvereinbarung zu „kooperativem Changemanagement“ vor.
Seit längerem werden in einem großen Software-Konzern neue Modelle des agilen Arbeitens in „teilautonomen“ Gruppen ausprobiert. Die Scrum-Methode zeigt dabei ihre verschiedenen Gesichter. Eberhard Schick, Mitbegründer und Mitglied des Betriebsrates bei SAP, schildert die Vor- und Nachteile der spezifischen betrieblichen Umsetzungen von Agilität. Seine Ausarbeitung betont die Notwendigkeit betrieblicher Mitbestimmung. Sein zentraler Befund unterstreicht, dass die meisten Beschäftigten agilen Lösungen grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Diese werden als „Schritte in die richtige Richtung“ begrüßt.
Mit den an viele Erwerbstätige gerichteten ausufernden Erwartungen einer Erreichbarkeit und Verfügbarkeit auch jenseits üblicher Arbeitszeiten und Arbeitsstätten und mit den „überwiegend fremdbestimmten Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen an eine wachsende Anzahl von Beschäftigten“ geht Michael Schwemmle kritisch ins Gericht. Er dämpft die hochfliegenden Erwartungen an den digitalen Wandel: „Zum einen scheinen sich spezifische, mit der Digitalisierung verbundene Problemlagen eher zu verfestigen denn zu verflüchtigen, zum anderen sind die emanzipatorischen und humanisierenden Potenziale für ein real selbstbestimmteres digitales Arbeiten nach wie vor bei weitem noch nicht adäquat ausgeschöpft.“
In differenzierter Weise führt Raphael Deimel in die Welt der menschenähnlichen (humanoiden) Roboter ein. Er plädiert für eine aktive soziale Gestaltung, um zu vermeiden, dass „die Erhöhung der Autonomie der Maschine nicht zu einer Fremdbestimmung, sondern zu einer Ermächtigung von Menschen“ führt. Er erkennt die Chancen in der Assistenz: „Autonome Maschinen bergen ebenso das Potential, die kognitiven Grenzen unserer Produktivität nochmals weit hinaus zu schieben, so wie es Maschinen bei unseren physischen Fähigkeiten bereits tun.“
Von der juristischen und verfassungsrechtlichen Seite nähert sich Hans-Ernst Böttcher dem Autonomie-Begriff. Er unterstreicht die „verfassungsgemäß geschützte Würde und Eigenverantwortlichkeit des Menschen“ sowie das „informationelle Selbstbestimmungsrecht“. Am Beispiel der Haftungsprobleme beim Einsatz selbstfahrender Autos weist er auf die Unzulänglichkeiten politischer und gesetzlicher Rahmensetzungen hin: „Das Günstigste, worauf man nach einer solchen Verirrung des Gesetzgebers, wie er sie mit der Neugestaltung des StVG begangen hat, noch hoffen kann, ist, dass mangels Realitätsnähe der Norm und wegen der Haftungsängste aller Beteiligten sich die Voraussetzungen für seine Anwendung nicht verwirklichen.“
Die Bedeutung autonomer Software-Systeme für den Wandel der öffentlichen Verwaltungen arbeiten Jörn von Lucke und Katharina Große heraus: „Der Wandel bis hin zu autonomen Systemen im Staat [hat] disruptiven Charakter.“ Das Autorenteam entwickelt eine Kette offener Fragen, die gesellschaftlich und technisch zu lösen sind. Dazu gehört unter anderem folgender Aspekt: „Gibt es eine Gefahr der Datengläubigkeit, bei der eine Objektivität von Daten und computergestützten Entscheidung angenommen wird, die nicht existiert?“
Wie haben sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit Autonomie und Selbstbestimmung befasst? Dieser Frage geht Heinrich Bleicher-Nagelsmann nach. Beispielhaft greift er Werke von Franz Kafka, Christa Wolf und Brigitte Reimann heraus und seziert deren Rezeption in der DDR: „Ich möchte schreiben, nur so kann ich existieren, nur, mein Gott, was ich schreiben möchte … Ich werde es tun, Arbeit für die Schublade“ (Reimann). Der Autor sieht Autonomie als Prozess des Widerspruchs: „Aber es ist eine von Menschen gemachte Geschichte und ihre Bedingungen, es sind keine steinernen Verhältnisse und damit auch von Menschen veränderbare.“
Den Abschluss des Bandes bildet eine Hommage an die Sozialpädagogin Anne Frommann. Zu deren 90. Geburtstag spüren Welf Schröter und Irene Scherer dem Verständnis von Autonomie und Selbstbestimmung in deren fachlichen und wissenschaftlichen Werken nach: „Autonomie ist kein Begriff, der einen Zustand oder gar ein (endgültiges) Ziel bezeichnet. Vielmehr ist Autonomie immer relativ und muss daher in jedem Fall bezogen auf ein Individuum oder eine Situation verstanden werden.“ Anne Frommann denkt vom Menschen her, von der Arbeit am Menschen und mit dem Menschen. Autonomie wird erworben und errungen.
Die oben beschriebenen und nun folgenden sechzehn Fachbeiträge beleuchten das Thema „Autonomie des Menschen – Autonomie der Systeme“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Impulse aus Sozial- und Gesellschaftswissenschaften, Informatik und Ingenieurwissenschaften, Jurisprudenz, Philosophie, Technik, Sozialpsychologie und Sozialpädagogik, aus dem vielfältigen Fundus von Sachwissen und geläutertem Erfahrungswissen erwächst ein Mosaik von Kompetenzerweisen, die dazu beitragen können, Betroffenen Handlungs- und Gestaltungskraft zu geben. Das Buch soll Eingang finden in die laufenden Diskurse zur digitalen Transformation und die Beteiligten ermutigen. Dabei liegt dem Band ein umfassender Denkansatz zugrunde wie er in einer These aus dem Forum Soziale Technikgestaltung formuliert ist:

+++ Autorinnen und Autoren des Bandes

Dr.-Ing. Dirk Balfanz. Geschäftsführer des Centre for Cognitive Science an der Universität Darmstadt.

Heinrich Bleicher-Nagelsmann. Bundesgeschäftsführer des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in ver.di, Berlin.

Hans-Ernst Böttcher. Präsident des Landgerichts i.R., Mitgründer der Europäischen Vereinigung MEDEL (Magistrats Européens pour la Démocratie et les Libertés – Europäische Richter für Demokratie und Grundrechte), Lübeck.

Oleg Cernavin. Leiter des BMBF-Projektes „Prävention 4.0“, Geschäfts-führer der BC GmbH Forschungs- und Beratungsgesellschaft, Wiesbaden.

Dr.-Ing. Raphael Deimel. Leiter der Nachwuchsforschergruppe des BMBF-Projektes MTI-engAge, Technische Universität Berlin, Fakultät IV – Elektrotechnik und Informatik.

Silke Eilers. Diplom-Betriebswirtin (FH), Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability IBE, Hochschule Ludwigshafen am Rhein.

Dr. Bruno Gransche. Forschungskolleg „Zukunft menschlich gestalten“ der Universität Siegen, Fellow am Fraunhofer ISI (Foresight), Karlsruhe.

Katharina Große, MA. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik, Zeppelin Universität, Friedrichshafen.

Prof. Dr. Heiner Keupp. em., Department für Psychologie/Reflexive So-zialpsychologie, Ludwig-Maximilians-Universität München.

Dr. Simone Kimpeler. Leiterin Competence Center Foresight, Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, Karlsruhe.

Dr. Dieter Klumpp. Mitglied des Vorstandes des Instituts für Kommunikationsforschung, Stuttgart.

Prof. Dr. phil. habil. Dipl. Phys. Klaus Kornwachs. em., Honorarprofessor für Philosophie, Universität Ulm; Honorarprofessor Tongji University Shanghai.

Prof. Dr. Jörn von Lucke. Lehrstuhl für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik, Direktor des The Open Government Institute (TOGI), Zeppelin Universität, Friedrichshafen.

PD Dr. Dr. Matthias Mayer. Philosophisches Seminar der Universität Tübingen.

Prof. Dr. Jutta Rump. Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability IBE, Hochschule Ludwigshafen am Rhein.

Irene Scherer. Verlegerin, Geschäftsführerin des Talheimer Verlags.

Dr. Eberhard Schick. Mitbegründer und Mitglied des Betriebsrats der SAP SE, Walldorf.

Welf Schröter. Mitbegründer und Leiter des Forum Soziale Technikgestaltung beim DGB Baden-Württemberg, Lehrbeauftragter an der Hochschule Aalen – Technik und Wirtschaft, Mössingen.

Michael Schwemmle. langjähriger Geschäftsführer der Input Consulting – Gemeinnützige Gesellschaft für Innovationstransfer, Post & Telekommunikation mbH, Stuttgart.

David Zapp. Master of Arts, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Beschäftigung und Employability IBE, Hochschule Ludwigshafen am Rhein.