Einladung zur Tagung für Betriebs- und Personalräte „Der demokratisierte Algorithmus“

Einladung zur Tagung „Der demokratisierte Algorithmus“ – 30 Jahre „Forum Soziale Technikgestaltung“ am 24. bis 25. November 2021 in der Evangelischen Akademie Bad Boll

Im Prozess der digitalen Veränderungen der Arbeitswelt müssen Perspektiven immer wieder neu überprüft werden. Die Fachtagung zum Jubiläum des Netzwerks „Forum Soziale Technikgestaltung“ bietet dazu sozialwissenschaftliche Expertise und reichlich Gelegenheit zur gemeinsamen Diskussion. Die Soziologin Prof. Dr. Sabine Pfeiffer zeigt im Eröffnungsvortrag, wie ökonomische Beweggründe die digitalen Veränderungen antreiben: „Digitalisierung als Distributivkraft – Über das Neue am digitalen Kapitalismus“. Welf Schröter analysiert in seinem Beitrag die Fragen: Wo stehen wir im Projekt „Der mitbestimmte Algorithmus“? Wie gelingt die partizipative Mitwirkung von Beschäftigten? Wie geht der Weg weiter zum „Demokratisierten Algorithmus“? Dr. Bettina-Johanna Krings vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse vermittelt in ihrem Beitrag Einblicke aus einem aktuellen Projekt zu ethischen Kriterien bei der Gestaltung von „Künstlicher Intelligenz“. – Die Jubiläumstagung will vor allem Betriebs- und Personalräte zur Diskussion einladen und Impulse vermitteln, wie das Ziel einer mitbestimmten und demokratisierten Arbeitswelt vorangebracht wird.

Link zum Tagungsflyer und Link zur Programm-WebSite der Evang. Akademie Bad Boll

Programm

Mittwoch, 24. November 2021

13:00 Uhr Ankunft in der Evangelischen Akademie Bad Boll, Zimmerbezug, Willkommenskaffee

14:00 Uhr Einführung Auf dem Weg zum „demokratisierten Algorithmus“ – 30 Jahre „Forum Soziale Technikgestaltung“ – Partner der Evangelischen Akademie Bad Boll
Begrüßung durch Karl-Ulrich Gscheidle, Wirtschafts- und Sozialpfarrer Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt (KDA)

14:15 Uhr Vortrag Digitalisierung als Distributivkraft – Über das Neue am digitalen Kapitalismus
Prof. Dr. Sabine Pfeiffer, Lehrstuhl für Soziologie (Technik-Arbeit-Gesellschaft), Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

15:00 Uhr Rückfragen

15:15 Uhr Vortrag Zukunft der Arbeit und Erweiterung der Mitbestimmung: Das Projekt „Der mitbestimmte Algorithmus“ des „Forum Soziale Technikgestaltung“
Welf Schröter, Mitbegründer und Leiter des „Forum Soziale Technikgestaltung“, Mitbegründer der „Allianz 4.0 Baden-Württemberg“, Projekt PROTIS-BIT, Projekt „KARL“, Redaktion „Latenz“

16:00 Uhr Rückfragen

16:15 Uhr Kaffeepause

16:45 Uhr Parallele Arbeitsgruppen
Arbeitsgruppe 1: Digitaler Kapitalismus (Karl-Ulrich Gscheidle)
Arbeitsgruppe 2: Der mitbestimmte Algorithmus (Welf Schröter)

18:00 Uhr Abendessen

19:30 Uhr Erinnerungen an dreißig Jahre „Forum Soziale Technikgestaltung“
Im Gespräch mit Welf Schröter und den Gästen Ulrike Zenke (IG Metall Heidelberg, Mitbegründerin des Betriebsräte-Netzwerkes ZIMT) und Michael Schwemmle (damals Deutsche Postgewerkschaft, dann ver.di und langjähriger Geschäftsführer der Input Consulting). Moderation: Karl-Ulrich Gscheidle

Donnerstag, 25. November 2021

08:00 Uhr Morgenimpuls

08:20 Uhr Frühstück

09:00 Uhr Einführung in den Tag – Ergebnisse der Diskussionen vom Vortag
Karl-Ulrich Gscheidle, Welf Schröter

09:20 Uhr Ethische Kriterien zur Gestaltung der „Künstlichen Intelligenz“
Dr. Bettina-Johanna Krings, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Projekt „KARL“

09:50 Uhr Rückfragen

10:00 Uhr Parallele Arbeitsgruppen (Fortsetzung)

10:45 Uhr Kaffeepause

11:00 Uhr Fortsetzung der Arbeitsgruppen

11:45 Uhr Abschlussplenum – Ergebnisse der Tagung (Karl-Ulrich Gscheidle, Welf Schröter)

12:30 Uhr Mittagessen / Ende der Tagung

Bitte melden Sie sich bis spätestens 5. November 2021 an unter Link zur Anmeldung
Sie erhalten eine Anmeldebestätigung.

Gesamtpreis/Person: Bei Unterbringung im Einbettzimmer 130,00 €, bei Unterbringung im Zweibettzimmer 112,00 €. Ohne Übernachtung und Frühstück 63,00 €. In allen Preisen ist die gesetzliche Mehrwertsteuer enthalten. Kosten für nicht eingenommene Mahlzeiten werden nicht erstattet. Gäste ohne Übernachtung zahlen das Frühstück an der Rezeption.

 

Einladung zum Projektstart: Betriebsräte gestalten „intelligente“ Technologien

Einladung zum Projektauftakt am 5. Oktober 2021 um 18.00 Uhr in Heidelberg „Betriebsräte gestalten „intelligente“ Technologien“. Eine gemeinsame Veranstaltung der IG Metall Heidelberg, des „Forum Soziale Technikgestaltung“, des Betriebsräte-Netzwerkes ZIMT -– anlässlich „Dreißig Jahre Forum Soziale Technikgestaltung“.

Auftakt des Projektes „PROTIS-BIT – PROaktive Transferierbare InnovationsStrategien von Betriebsräten zur Beschäftigungssicherung auf der Basis ,Intelligenter‘“ Technologien – Empirische Studie zu Entwicklungspotenzialen und Gestaltungskompetenzen von Betriebsräten“.

Betriebsrätinnen und Betriebsräte sind im derzeitigen Umbau- und Veränderungsprozess mehrfach herausgefordert: Sie müssen zum einen die errungenen sozialen Standards im Vorgang der digitalen Transformation absichern und weiterentwickeln. Zum anderen sind die Akteurinnen und Akteure der Mitbestimmung mit der Frage konfrontiert, wie mit Hilfe und auf der Basis dieser qualitativ neuen Techniken in Gestalt sich selbst verändernder Software-Systeme, die sich von der „nachholenden Digitalisierung“ deutlich unterscheiden, Arbeitsplätze gesichert und neue Beschäftigung geschaffen werden kann. Betriebsräte wollen eigeninitiativ technische Innovationen für neue Produkte, Dienste und Dienstleistungen befördern sowie zugleich soziale Innovationen zur Humanisierung der Arbeitswelten voranbringen.

Zu den großen Herausforderungen gehört die besondere Eigenschaft eines Teils der sich selbst verändernden digitalen Systeme in Produktion, Dienstleistung und Verwaltung, die nach ihrer Implementierung kaum oder nicht mehr gestaltbar sind. Somit muss die soziale Ausgestaltung vorausschauend vor der Implementierung erfolgen. Das „Forum Soziale Technikgestaltung“ bezeichnet dies daher als „vorausschauende Arbeitsgestaltung“ bzw. „vorausschauende Technikgestaltung“.

Seit mehr als zehn Jahren ist im Raum Heidelberg das Betriebsräte-Netzwerk ZIMT aktiv, das von der IG Metall Heidelberg und dem „Forum Soziale Technikgestaltung“ getragen wird. Dieses Netzwerk vermittelt Orientierungswissen und sensibilisiert für Gestaltungsinitiativen. Die in ZIMT versammelten Akteurinnen und Akteure der Mitbestimmung verfügen über ein hohes Maß an Erfahrungswissen und Sachkompetenz. Das neue Projekt „PROTIS-BIT“ soll helfen, Mitbestimmungsakteure zu unterstützen, indem Handlungs- und Orientierungswissen (Praxisbeispiele) erarbeitet und online zur Verfügung gestellt wird. Das Projekt wird gefördert vom Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung I.M.U. (Referat Arbeit und Mitbestimmung) der Hans-Böckler-Stiftung.

Ablauf der Veranstaltung

18.00 Uhr Begrüßung
Ulrike Zenke, IG Metall Heidelberg, Mitbegründerin des Betriebsräte-Netzwerkes ZIMT

18.10 Einführung
Betriebsräte gestalten „intelligente“ Technologien
Mirko Geiger, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Heidelberg

18.25 Uhr Vortrag I
Impulse der Hans-Böckler-Stiftung für die Praxis der Mitbestimmung
Nils Werner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, I.M.U. – Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung, Referat Arbeit und Mitbestimmung / Praxiswissen Betriebsvereinbarungen

18.45 Uhr Vortrag II
Beschäftigungssicherung auf der Basis ,Intelligenter‘“ Technologien – Projektstart
Welf Schröter, Mitbegründer und Leiter des „Forum Soziale Technikgestaltung“, Mitbegründer der „Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg“ der baden-württembergischen Landesregierung, Mitbegründer des Betriebsräte-Netzwerkes ZIMT

19.15 Uhr Diskussion und Arbeitsgruppen

20.00 Uhr Plenum / Zusammenführung der Ergebnisse

20.30 Uhr Ende der Veranstaltung

Die Veranstaltung wird zunächst als Präsenzveranstaltung in den Räumen der IG Metall Heidelberg geplant. Sollten sich bis zum 27. September 2021 die Pandemie-Gefahren erhöhen und eine Durchführung vor Ort unverantwortlich sein, findet die Veranstaltung online statt. Es wird dann ein Zugangslink verschickt. Eine Anmeldung ist erforderlich bei: Welf Schröter schroeter@talheimer.de

 

Veranstaltungen anlässlich „Dreißig Jahre Forum Soziale Technikgestaltung“

Seit nunmehr dreißig Jahren besteht das Netzwerk „Forum Soziale Technikgestaltung“ (FST) beim DGB Baden-Württemberg. Der Schritt zur Gründung im Herbst 1991 war eine soziale Innovation. Ein horizontales Netzwerk mit ganzheitlichem Ansatz wollte und will die Gestaltungskompetenz der Frauen und Männer in Betriebs- und Personalräten, in Vertrauensleutegremien und Belegschaften stärken. Aus den 120 Gründungsbeteiligten erwuchs eine Community mit heute mehr als 4.600 Personen. Kompetent, interessengeleitet und zielgerichtet mischen sich Kolleginnen und Kollegen in die Technikentwicklung und Technikimplementierungen ein. Statt Fremdbestimmung und Entlassungen soll die Humanisierung der Arbeitswelten und die Beschäftigungssicherung mitbestimmt voran gebracht werden.

Im Zeitraum von Februar bis Juni 2021 finden eine Reihe von öffentlichen Onlineveranstaltungen mit zahlreichen Partnerinnen und Partnern statt. Nach der Sommerpause folgen mehrere Tagungen in Präsenz. Interessierte sind freundlich eingeladen und werden gebeten, sich anzumelden. Werfen Sie einen Blick ins Programm, wählen Sie aus und seien Sie willkommen.

Link zum Programm: (FST-Jubiläumsprogramm_Teil_A_Februar_bis_Juni_2021)

 

Ja zum „HomeOffice“ – Nein zum Abbau sozialer Standards

Die derzeitige Pandemie und ihre arbeitsweltlichen Folgen haben das Thema der IT-gestützten Arbeit von zuhause wieder in die Öffentlichkeit zurückgeholt. Die früher als „Mobiles Arbeiten“ oder als „Alternierende Telearbeit“ bezeichnete Variante der Arbeitsorganisation trägt heute den Namen „HomeOffice“ oder gar „Hybrides Arbeiten“. Der Inhalt dessen, was heute unter dem Begriff „HomeOffice“ läuft, hat eine lange und heftig umkämpfte Vorgeschichte. Das „HomeOffice“ ist nicht durch oder wegen Corona entstanden. Seit Anfang bzw. Mitte der neunziger Jahre haben sich Kolleginnen und Kollegen aus Betriebs- und Personalräten, aus Vertrauensleutekörpern und Gewerkschaften für dieses neue Modell der Arbeitsorganisation stark gemacht. In jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen Geschäftsleitungen und Beschäftigtenvertretungen, zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften wurden mühsam feste Rahmenbedingungen und soziale Standards in Betriebs- und Dienstvereinbarungen errungen.

Hilfreich ist ein Blick in die Verordnung über Arbeitsstätten (Arbeitsstättenverordnung – ArbStättV). Dort heißt es in § 2 Begriffsbestimmungen unter anderem: „(7) Telearbeitsplätze sind vom Arbeitgeber fest eingerichtete Bildschirmarbeitsplätze im Privatbereich der Beschäftigten, für die der Arbeitgeber eine mit den Beschäftigten vereinbarte wöchentliche Arbeitszeit und die Dauer der Einrichtung festgelegt hat. Ein Telearbeitsplatz ist vom Arbeitgeber erst dann eingerichtet, wenn Arbeitgeber und Beschäftigte die Bedingungen der Telearbeit arbeitsvertraglich oder im Rahmen einer Vereinbarung festgelegt haben und die benötigte Ausstattung des Telearbeitsplatzes mit Mobiliar, Arbeitsmitteln einschließlich der Kommunikationseinrichtungen durch den Arbeitgeber oder eine von ihm beauftragte Person im Privatbereich des Beschäftigten bereitgestellt und installiert ist.“ Siehe ArbStättV.

Unter der falschen Parole der „Neuen Normalität“ („The New Normal“) wird von interessierter Seite der Eindruck erweckt, das „HomeOffice“ sei völlig neu und nichts habe vorher existiert. Mit dieser sprachlichen Wendung wollen manche Akteure sich um die Pflichten der errungenen Standards drücken, um die Kosten zu senken. Das klassische Beispiel ist die bereits vereinbarte Gleichstellung des außerbetrieblichen mit dem betrieblichen Arbeitsplatz. Mit anderen Worten: So wie ein Unternehmen bzw. eine Verwaltung in Betriebsräumen oder Büros die IT-Infrastruktur selbstverständlich zur Verfügung zu stellen hat, so gilt dies auch für den Arbeitsplatz zuhause. Die IT-Infrastruktur für die Arbeit zuhause ist Sache des Arbeitgebers. Es kann nicht sein, dass Arbeitnehmerrinnen und Arbeitnehmer aus lauter „Dankbarkeit“ für das „HomeOffice“ sich die Geräte auf eigene Kosten zulegen. Diese „Neue Normalität“ ist ein Rückschritt und ein vorsätzliches Abrücken von bereits rechtlich akzeptierten Standards.

Das „HomeOffice“ bietet die Chancen für mehr Selbstbestimmung in der Arbeit und für individuelle Zeitsouveränität im Rahmen ergebnisorientierter Zielvereinbarungen. Das „HomeOffice“ darf kein Baustein für den Abbau von Rechten sein. „HomeOffice“ – ja, selbstverständlich. Aber zu den vereinbarten Standards.

Weitere Informationen dazu finden sich in diesem Blog unter den Links:

 

Der 100. Blog-Eintrag: Bringt die digitale Transformation eine Rückbildung oder eine Weiterentwicklung der Arbeitswelt?

Als vor rund fünfzig Jahren das einflussreiche Buch von Johannes Agnoli und Peter Brückner mit dem Titel „Die Transformation der Demokratie“ erschien, trug das Wort „Transformation“ etwas Warnendes und Bedrohliches in sich. Die Autoren analysierten die Geschichte der jungen Bundesrepublik Deutschland seit 1949. Dabei stellten sie eine Rückbildung und politisch gewollte Rückentwicklung („Involution“) der Demokratie fest. Deutlich wurde dies – so die Autoren – unter anderem an der Durchsetzung der Notstandsgesetze, wogegen die damalige außerparlamentarische Opposition laut protestierte.

Heute begegnet uns der Begriff „Transformation“ erneut, jedoch anders, diesmal als Verheißung, als „digitale Transformation“ von Wirtschaft, Arbeitswelt und Gesellschaft. Heute eröffnet der Begriff ein eher janusköpfiges Potenzial: Die digitale Transformation kann den Weg ebnen zu einer Ausweitung von Demokratie, sozialen Standards, Partizipation und Mitbestimmung oder aber zu deren gegenläufiger Tendenz. Auch die Rückbildungen von Demokratie und sozialen Standards sind denkbar.

Für viele Betriebsrätinnen und Betriebsräte gilt die digitale Transformation als Chance für eine Humanisierung der Arbeit und als Option für ein „Mehr Demokratie wagen“.

Neben der noch nicht aufgelösten Janusköpfigkeit zeigt der Transformations-Begriff noch eine weitere innere Spannung: Um den Prozess der digitalen Transformation nachvollziehbar und erklärbar zu machen, muss die Dynamik des Transformierens verlangsamt werden. Beteiligungsorientierte Demokratie benötigt Zeit. Verlangsamung aber beeinträchtigt – so die Stimmen der Arbeitgeber – die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und ihrer Produkte. Ein betriebsrätlich-gewerkschaftliches Handeln muss sich an der Lerngeschwindigkeit der Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder orientieren. Als vermeintliche „Avantgarde“ den Mitgliedern vorauszueilen und ihnen dabei zu enteilen, kann keine tragfähige Lösung sein.

Zugleich müssen sich Betriebsrätinnen und Betriebsräte aber auch von Geschwindigkeiten technikinduzierter Innovationsprozesse leiten lassen. Gestaltungskompetenz der Beschäftigtenvertretungen kann nicht bedeuten, den Technikeinführungen hinterher zu laufen. Die zunehmende Einführung „Autonomer Software-Systeme“ (ASS) in Wartungsprozessen, Instandhaltung, Personalmanagement, Logistik und Geschäftsprozesssteuerungen verlangt vom Gremium Betriebsrat die Kompetenz zu „vorausschauender Arbeitsgestaltung“. Die Gestaltung der ASS erfordert eine deutliche Beschleunigung des Handelns der Beschäftigtenvertretungen.

Für die Lernprozesse des Betriebsratsgremiums kann die Spannung zwischen Verlangsamung und Beschleunigung nicht nach einer Seite aufgehoben werden. Die Kunst besteht darin, die Spannung zwischen beiden Polen aufrecht zu erhalten. Das mag je nach Lage der Kontroverse belastend sein. Aber es ist die einzig vernünftige Möglichkeit, den Zusammenhalt zu wahren.

 

Betriebs- und Personalräte könnten „autonome Software-Systeme“ für sich nutzen

Derzeit legen viele Akteure aus Gewerkschaften, Betriebs- und Personlaräte den Schwerpunkt bei der Gestaltung digital-virtueller Arbeitswelten auf den Bereich der „nachholenden Digitalisierung“ (Forum Soziale Technikgestaltung). Damit werden die Einführungen von Technologien bezeichnet, die es zwar als Technikentwicklungen schon seit 10, 15 oder 20 Jahren gibt, nun aber erst zur Implementierung kommen. Dort, wo sie heute eingesetzt werden, empfinden die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer diese Anwendungen als „neu“. Doch Smartphones, elektronische Lernumgebungen, mobiles Arbeiten, alternierende Telearbeit, HomeOffice-Lösungen, Softwareagenten, Internet der Dinge, elektronische Aktenführungen, Teile der KI etc. sind seit eineinhalb oder gar zwei Jahrzehnten vorhanden. Nicht selten sind es unerledigte Hausaufgaben, die bei der Modernisierung von Arbeitsumgebungen versäumt und nun nachgeholt werden.

Doch heute bedarf es viel Aufmerksamkeit und Energie für die „Digitalisierung hinter der Digitalisierung“ (Forum Soziale Technikgestaltung). Damit sind insbesondere Technologien gemeint, die als Software in der Lage sind, „selbst zu lernen“ und in Echtzeit „selbst zu entscheiden“. Die „autonomen Software-Systeme“ (ASS) stellen eine der wichtigsten Herausforderungen für die Arbeitswelten dar. Die ASS beanspruchen, anstelle des Menschen rechtsverbindliche Entscheidungen (Transaktionen) zu treffen.

Ihre Einführungen beginnen nicht nur in Produktion und Fertigung sondern ebenso in Dienstleistung und öffentlicher Verwaltung. Das gewerkschaftliche Handeln muss um den Praxisbaustein der „vorausschauenden Arbeitsgestaltung“ erweitert werden.

Die Diskussionen des Netzwerkes „Forum Soziale Technikgestaltung“ (FST) eröffnen zugleich den Blick auf neue Möglichkeiten des Agierens von Betriebs- und Personalräten. ASS sind nicht nur Objekte der Gestaltung. Sie könnten auch Elemente einer verbesserten Betriebsarbeit und ein Fundament betrieblicher Mitbestimmung sein. Im Zusammenhang mit dem FST-Projekt „BetriebsratsArbeit auf Basis ,autonomer Software-Systeme‘“ (BABSSY) entstehen Überlegungen zu möglichen Nutzungen der ASS durch die Beschäftigtenvertretungen selbst. ASS könnten Instrumente neuartiger Praxis sein.

Stellen wir uns vor, jede Beschäftigtenvertretung hätte eine Art Online-Unterstützung (Assistenz) in Gestalt eines „selbstlernenden“ Software-Werkzeuges. Kolleginnen und Kollegen, die im Betrieb im Prozess der Mitbestimmung mit Themen konfrontiert werden, zu denen keine direkte Antwort vorliegt, könnten es aufrufen. Wenn ein ASS-Tool unscharfe Fragen, unscharfe Satzteile, erfahrungsgeleitete Begriffe eingegeben bekommt, könnte das Tool als Antworten sowohl Zusammenhänge zwischen verschiedenen Themen wie auch Verweise auf Sach- und Fachwissen bereitstellen. Es wäre ein Modell, das unscharfe Fragen eines Laien hinführt zu verläßlichen konkreten interessensorientierten Antworten. Das Software-System „lernt“ durch häufige Nutzung und wird zu einem dynamischen Beratungsassistenten. Es könnte dazu verhelfen, komplexe Zusammenhänge inhaltlich zu über—setzen, um es durch Reduzierung von Komplexität Laien leichter zu machen, Gestaltungskompetenz zu verbessern.

Wir müssen die Vier-Null-Welt aus der Perspektive der Zukunft heraus gestalten. Mit dem Blick der Vergangenheit werden wir wohl zumeist nur unerledigte vergangene Hausaufgaben lösen. Wir sollten mutiger sein.

 

Neue FST-Fachpublikation „Autonomie des Menschen – Autonomie der Systeme“ mit 70-seitigem Erfahrungsbericht

Zwischen Frühsommer 2015 und Frühsommer 2017 organisierte das Forum Soziale Technikgestaltung einen dichten, strukturierten, teils öffentlichen, teils vertraulichen Diskurs zu Erfahrungen von Betriebs- und Personalräten, Vertrauensleuten und Beschäftigten bei der betrieblichen Gestaltung der „digitalen Transformation“. Die Ergebnisse dieser sehr ehrlichen Dialoge wurden anonymisiert und ergebnisorientiert zusammengefasst.

Der 70-seitige Erfahrungsbericht wurde in der jüngsten Fachpublikation des Forum Soziale Technikgestaltung mit dem Titel „Autonomie des Menschen – Autonomie der Systeme. Humanisierungspotenziale und Grenzen moderner Technologien“ [ISBN 978-3-89376-172-2] veröffentlicht (Link zum Bestellen des Buches).

Die Ergebnisse greifen zum einen die Erfahrungen mit der „nachholenden Digitalisierung“ auf und weisen zudem weit über manche laufende Gestaltungsdiskussion hinaus. Der Bericht enthält a) Sieben Gesichtspunkte zum Paradigmenwechsel und zur Ganzheitlichkeit der digitalen Transformation, die auf mehreren Handlungsebenen grundlegende evolutionäre Veränderungen im Fundament von Wirtschaft und Arbeit nach sich zieht; b) Darstellung der widersprüchlichen Erfahrungen von Betriebsräten und neue Perspektiven; c) Zwanzig neue Impulse zur sozialen Gestaltung der Zukunft der Arbeit und der Arbeit der Zukunft; d) Fünfundzwanzig Eckpunkte einer Betriebsvereinbarung für kooperatives Changemanagement; e) Sieben Eckpunkten für eine antizipierende, vorrausschauende Gestaltung von Algorithmen (Möglichkeiten mitbestimmter Algorithmen); e) Neun Thesen „Sozialer Zusammenhalt in digitaler Lebenswelt“.

Die Publikation ist Irritation und Ermutigung zugleich.

 

20 Jahre „Arbeitswelt trifft Philosophie – Philosophie trifft Arbeitswelt“

Nach seinem kleinen Jubiläum „25 Jahre Forum Soziale Technikgestaltung (FST) 1991–2016“ konnte das FST-Netzwerk kürzlich ein weiteres kleines Jubiläum begehen: Seit zwanzig Jahren (beginnend 1997) lädt das Forum auch zu einem besonderen Workshop-Format unter dem Titel „Arbeitswelt trifft Philosophie – Philosophie trifft Arbeitswelt“ ein.

Einmal im Jahr finden sich samstagnachmittags für fünf Stunden Frauen und Männer aus Betriebs- und Personalräten, aus Betrieben und Selbstständigen zusammen, um mit Stimmen aus Philosophie, Sozialwissenschaften und Technik eher grundsätzliche Fragen zu beraten wie zum Beispiel:

Was bedeutet der philosophisch gewendete Begriff „Ungleichzeitigkeit“ von Ernst Bloch für die soziale Gestaltung der „digitalen Transformation“? Wie wirkt die Hegelsche Philosophie in unser heutiges Arbeitsverständnis hinein? Was bedeuten Selbstbestimmung und Autonomie in Philosophie und Sozialwissenschaften? Was kann davon hilfreich sein für die „Humanisierung der Arbeitswelt“? Was bedeutet die sozialpädagogische Aussage: Die Autonomie des einen Menschen ist zugleich die Autonomie des anderen? Was passiert mit dem menschlichen Subjekt im Spannungsgefüge von Realität und Virtualität, zwischen fiktiver Realität und realer Virtualität? Erleichtert dieses Spannungsgefüge die gesellschaftliche und individuelle Emanzipation oder stellt es ein wachsendes Hemmnis dar? Was kann „antizipierendes Bewusstsein“ aus der jeweiligen Perspektive von Bloch, Sartre, Adorno, Marcuse, Habermas, Gorz oder Agnes Heller bewirken?

Als Ort des lebendigen Diskurses wurde das Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen am Rhein gewählt. Für fünf Stunden proben Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund interessengeleitet die „Anstrengung des Begriffs“. In 2018 geht es weiter.

 

Von der Demokratisierung der Algorithmen zum mitbestimmten Algorithmus

Auf der Berliner Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung unter dem Thema „Digitaler Kapitalismus“ ermutigte das Forum Soziale Technikgestaltung die Kolleginnen und Kollegen aus Betriebs- und Personalräten sowie aus den Gewerkschaften die bisherigen Ziele der Mitbestimmung strategisch auszuweiten.

Er reiche nicht aus, nur betriebsbezogen mitbestimmen zu wollen. Neben dieser an vertikaler Wertschöpfung ausgerichteten Mitbestimmung müsse man sich gedanklich vorbereiten, auch eine Mitbestimmung entlang der betriebsübergreifenden horizontalen Wertschöpfungskette zu konzipieren. Die Zukunft des Betriebes und die Zukunft der dortigen Arbeitsplätze werden in Zukunft verstärkt von Einflüssen horizontaler Wertschöpfungsketten getrieben.

Darüber hinaus aber sei es zukünftig unabdingbar, sich werkzeugbezogen einzubringen. „Autonome Software-Systeme“ werden auf Dauer nicht nur in geschlossenen virtuellen Umgebungen implementiert. Ziel der IT-Szene ist es, solche Anwendungen auch in offenen Netzumgebungen zu ermöglichen.

Betriebs- und Personalräte sowie Gewerkschaften sollten sich daher rasch den Themen „Demokratisierung der Algorithmen“ und Modelle von „mitbestimmten Algorithmen“ (Schröter) öffnen, um Wege der „vorausschauenden Arbeitsgestaltung“, wie es das BMBF-Projekt „Prävention 4.0“ unter Leitung von Oleg Cernavin vorschlägt, begehbar zu machen. Laut Forum Soziale Technikgestaltung gilt es, sich von der gesellschaftlichen Demokratisierung der Algorithmen hin zum mitbestimmten Algorithmus aufzumachen.

 

Ganzheitliche Produktionssysteme und digitale Arbeitswelten

Trägt der Wandel hin zu „Arbeit 4.0“ dazu bei, bisherige Modelle „Ganzheitlicher Produktionssysteme“ (GPS) zu neuer Bedeutung zu verhelfen? Oder löst die „digitale Transformation“ das schrittweise Ende von „GPS“ ein? – Diesen Fragen ging eine sozialwissenschaftliche Fachtagung unter dem Titel „Digital integrierte Fremdbestimmung oder neue Mitbestimmung?“ in Jena nach, zu der die Hans-Böckler-Stiftung zusammen mit der Nachwuchsforschungsgruppe „Perspektiven der Mitbestimmung in Ganzheitlichen Produktionssystemen“ am Arbeitsbereich Wissenssoziologie und Gesellschaftstheorie der Friedrich-Schiller-Universität Jena eingeladen hatte.

Zu den Ankerpunkten der Diskussionen zählten Rückblicke auf frühere Formen „Ganzheitlicher Produktionssysteme“ wie etwa die „Schlanke Produktion“ (Lean Production), auch „Toyotismus“ genannt. Dahinter verbirgt sich eines der ersten vollständigen Systeme, um Produktions-, Montage- und Logistikprozesse optimal zu integrieren. Aus der Perspektive von Betriebsräten und Gewerkschaften standen die Regulierung von „Gruppenarbeit“ und „Teilautonomen Gruppen“ in den achtziger und neunziger Jahren im Vordergrund. Kritisch wurde zu jener Zeit die Methode des „Kontinuierlichen Verbesserungsprozesses“ (KVP) betrachtet. Dieser Ansatz sollte die Gruppen dazu bewegen, ihre Abläufe stetig zu optimieren, so dass durch Arbeitsverdichtung und bessere Ablauforganisation ständig Arbeitsplätze in der Gruppe eingespart werden sollten. Manche Gruppe schaffte es, sich von 22 Personen auf 12 zu „optimieren“.

Die jungen Nachwuchswissenschaftler/innen sehen Anzeichen dafür, dass der Einsatz von Cyber-Physischen Systemen (CPS) in der Produktion und Montage sowie in der Intralogistik zu einer Wiedergeburt von „Schlanker Produktion“ führen könnte. Die elektronischen Werkzeuge von heute ermöglichen neue Steuerungsvarianten. Allerdings deute vieles darauf hin, dass damit nicht eine Stärkung  von „Gruppenarbeit“ oder „Teilautonomer Gruppen“ im bisherigen Sinne einhergeht. Diese Modelle seien seit längerem rückläufig.

Vor einem derartigen Hintergrund erhalten Anwendungen sogenannter „Autonomer Systeme“ (Software) neues Gewicht. Die „selbst denkenden“, „selbst lernenden“ und „selbst entscheidenden“ Systeme eröffnen einen veränderten Blick auf bisherige „GPS“. Entsprechende Erfahrungen aus baden-württembergischen Zusammenhängen regten zu dieser Diskussion an.

Einvernehmen bestand unter den Teilnehmenden, dass die „digitale Transformation“ der Arbeit in den Betrieben eine qualitative Ausweitung der Mitbestimmung benötige. Zu präzisieren wären neue Mitbestimmungsstandards und „Demokratie-Audits“. Aus Betriebsratsperspektive wurde die Forderung nach Stärkung der Mitbestimmung begrüßt. Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass Betriebsräte noch mehr Unterstützung und mehr angepassten, bedarfsgerechten und verständlichen Wissenstransfer brauchen.

Die Debatte soll fortgeführt werden.