Prävention 4.0: Vorausschauende Arbeitsgestaltung und vorausschauender Arbeitsschutz unabdingbar

Das Bundesforschungsministerium fördert mit Bundesmitteln das Projekt „Prävention 4.0“. Das Vorhaben „verfolgt das Ziel, konkrete Handlungsempfehlungen und Leitlinien für eine präventive Arbeitsgestaltung in der Arbeitswelt 4.0 zu entwickeln, damit die Akteure in den Betrieben die Potenziale der betrieblichen Prävention in der digitalisierten Arbeitswelt wirkungsvoll nutzen können. Um die Potenziale von CPS zu nutzen und die Arbeitsbedingungen im Zuge der Integration von CPS in Arbeitsprozesse gesundheitsgerecht und produktiv gestalten zu können, müssen alle Akteure in den Unternehmen sowie die arbeitenden Menschen außerhalb der Betriebe und die Präventionsdienstleister sensibilisiert und handlungsfähig gemacht werden“ (www.praevention40.de).

Die ersten Ergebnisse legen den Entscheidungsträger/innen in den Geschäftsleitungen und in den Betriebsräten eine grundlegende Ergänzung ihres betrieblichen Handelns nahe. Die Recherchen, Untersuchungen, Expertengespräche und Workshops lassen unzweifelhaft erkennen, dass es für den Übergang zu tatsächlichen 4.0-Arbeitswelten auf der Basis der Anwendung „autonomer Software-Systeme“ einer kombinierten Strategie aus „vorausschauender Arbeitsgestaltung“ und „vorausschauendem Arbeits- und Gesundheitsschutzes“ bedarf.

Ausgangspunkt dieser Darlegung ist der Blick auf den jetzigen Status der „selbst lernenden“, „selbst denkenden“ und „selbst entscheidenden“ „autonomen Software-Systeme“(ASS): Diese sind – nach derzeitigem technischen Stand – nach ihrem Start nicht mehr gestaltbar. Technische, soziale und gesundheitliche Standards müssen somit vor der Nutzung der ASS bereits in der Software verankert werden.
Betriebsräte wie Geschäftsleitungen müssen vorausschauend analysieren, welche Wirkungen der ASS vermieden werden sollen bzw. müssen. Diese vorausschauend wahrgenommenen Interessen können dann ausgehandelt, vereinbart, spezifiziert und vor dem Start der ASS implementiert werden.

Auf diese neue zusätzliche Handlungsweise sind Betriebsräte bislang kaum vorbereitet. Sie benötigen zusätzliche Kompetenzen und Beratungsleistungen. Die Betriebsräte werden dabei mit einer stark zunehmenden Abstraktion und Komplexität der Abläufe konfrontiert.

Eine der zentralen Zielsetzungen des Projektes „Prävention 4.0“ besteht in der Erarbeitung und Bereitstellung wesentlicher Handlungsmöglichkeiten einer präventiven Arbeitsgestaltung für alle betrieblichen Akteure.

Das Forum Soziale Technikgestaltung, das zu den Partnern des BMBF-Vorhabens „Prävention 4.0“ gehört, startete das Projekt „BABSSY“ („BetriebsratsArbeit auf Basis autonomer Software-Systeme“), um den Kompetenzaufbau unter Betriebsräten und Beschäftigten zu unterstützen.

25 Jahre Forum Soziale Technikgestaltung

Am 7. Oktober 1991 wurde in Stuttgart das „Forum Soziale Technikgestaltung“ (FST) als Personennetzwerk „beim DGB Baden-Württemberg“ gegründet. Aus dem Kreis von ehemals 120 Kolleginnen und Kollegen aus allen Gewerkschaften erwuchs inzwischen (bis zum 7. Oktober 2016) ein Netzwerk von dreitausend Frauen und Männern aus Betriebs- und Personalräten, aus Vertrauensleuten und Erwerbssuchenden, aus Produktion und Dienstleistung, aus großen und kleinen Betrieben, aus Verwaltung und Handwerk, aus Wissenschaft und Forschung. Seit 25 Jahren sind die KollegInnen ehrenamtlich mit einer ehrenamtlichen Netzwerkleitung aktiv. Der Impuls zur Gründung ging von der späteren Netzwerkleitung aus.

1991 gaben der damalige Vorsitzende des DGB Baden-Württemberg Siegfried Pommerenke, der damalige baden-württembergische IG Metall-Bezirksleiter Walter Riester, der damalige Vorsitzende der GEW Baden-Württemberg Rainer Dahlem und die damalige Vorsitzende der Gewerkschaft ÖTV Monika Wulf-Mathies diesem neuartigen Experiment eines horizontalen Ansatzes gewerkschaftlicher Arbeit starken Rückenwind. Beim zehnjährigen Bestehen des FST im Jahr 2001 trafen sich der damalige IG Metall Bezirksleiter Berthold Huber und die ehemaligen Bezirksleiter Ernst Eisenmann und Gerhard Zambelli. In jenen Zeiten war auch Joseph Weizenbaum zu Gast.

Von Anfang an standen die Potentiale und Auswirkungen der Informatisierung und Kommunikationstechnik, von Multimedia und Digitalisierung in der Arbeitswelt im Zentrum der Aktivitäten des FST. Im Gründungsjahr des Forums wurde das Internet für öffentliche und wirtschaftliche Nutzungen freigeschaltet und der Gesellschaft zugänglich gemacht.

Das „Forum Soziale Technikgestaltung“ entstand zum einen als Reaktion auf die Zerschlagung der einzigen baden-württembergischen „Kooperationsstelle Hochschule und Gewerkschaften“ und zugleich im gewerkschaftlichen Vorgriff auf die Eröffnung der „Akademie für Technikfolgenabschätzung Baden-Württemberg“. Das FST hat die Akademie überlebt.

Heute befasst sich das Netzwerk schwerpunktmäßig mit der sozialen Gestaltung der digitalen Transformation („Industrie 4.0“, „Arbeit 4.0“, „Verwaltung 4.0“, „Handwerk 4.0“, „Prävention 4.0“). Das FST unterstützt Initiativen in der Arbeitswelt durch die Vermittlung von verständlichem Orientierungs- und Gestaltungswissen. Anfragen zu gezielten betrieblichen Beratungen werden an die entsprechenden gewerkschaftlichen Einrichtungen und Partner weitergereicht.

Für die Arbeit des Forum Soziale Technikgestaltung sind nicht nur die aktuell im Betrieb eingeführten Technologien von Bedeutung. Das FST will auch die zukünftigen Potenziale und Dynamiken der digitalen Transformation vorausschauend würdigen. Die Beschäftigten sollen beim Erwerb von Gestaltungskompetenz Unterstützung erhalten.

 

Im Gestaltungsdialog mit dem Fachkräftenachwuchs (III)

Wie kommt das Wissen über betriebliche Mitbestimmung im Umfeld der Debatte um „Arbeit 4.0“ in die Technik-Ausbildung von Studierenden an einer Hochschule? Einen Weg der Lösung beschreitet derzeit die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Aalen. Dort wurde das gewerkschaftliche Forum Soziale Technikgestaltung FST für einen Lehrauftrag im Bereich „Technische Redaktion“ gewonnen. Im Rahmen eines mehrteiligen Blockseminars transferiert das FST theoretisches und praktisches Wissen darüber, wie die Mitbestimmung in der Praxis aussieht.  

Neben rechtlichen, sozialen und politischen Eckpunkten des Betriebsverfassungsgesetzes sowie verwandter rechtlicher Rahmenbedingungen greift der Lehrauftrag auch Aspekte der sozialen Technikgestaltung auf. Dazu zählen die Themen „Prävention 4.0“, Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie das Menschenbild in der Robotikentwicklung.

Als besonderen Gast mit weitreichenden Erfahrungen konnten die Studierenden einen langjährig tätigen Betriebsrat eines großen IT-Konzerns begrüßen. Er schilderte das Innenleben der Mitbestimmung, ihre Chancen und Grenzen sowie ihre Herausforderungen im Rahmen der „digitalen Transformation“ der Betriebe und Unternehmen. Für die Studierenden war der Dialog eine hilfreiche Erweiterung ihrer Studieninhalte.