Big Data: Phantasie ist wichtiger als Daten

„Es geht darum, dass wir als Gesellschaft klüger werden. Der Mensch muss intelligent werden, damit er intelligente Technik nutzen kann“ (Ovtcharova). Diese Sätze könnte man leitmotivisch über den aufschlussreichen Vortrag spannen, den die Ingenieurin, Maschinenbauerin und Informatikerin Prof. Dr. Dr.-Ing. Dr. h. c. Jivka Ovtcharova, Direktorin am FZI Forschungszentrum Informatik am Karlsruher Institut für Technologie, vor Betriebsräten zahlreicher prominenter Industriefirmen hielt. Auf Einladung des regionalen Betriebsrätenetzwerkes ZIMT, der IG Metall Heidelberg, der Regionalgruppe Rhein-Neckar der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI), des Forum Soziale Technikgestaltung sprach die Spezialistin für Virtual Engineering über „Big Data und die Auswirkungen auf die Arbeitswelt – Potenziale, Herausforderungen und Gestaltung“.

Big Data bezeichnet primär die Verarbeitung von großen, komplexen und sich schnell ändernden Datenmengen. Unternehmen erhoffen sich von der Analyse von Big Data Möglichkeiten zur Erlangung von Wettbewerbsvorteilen, zur Generierung von Einsparungspotentialen und zur Entwicklung neuer Geschäftsfelder. Die Möglichkeiten der Auswertungen liegen nicht nur in der Vorausschau von Vorgängen wie etwa der „vorausschauenden Wartung“ (predictive maintainance). Die Anwendungen von Big Data werden das Entstehen neuer Produkte, neuer Dienstleistungen und neuer Beschäftigung maßgeblich beeinflussen. Sie werden bestehende Arbeitsmilieus grundlegend verändern.

Jivka Ovtcharova erläuterte zum einen, dass die Datenmengen in Wirtschaft und Gesellschaft in naher Zukunft drastisch ansteigen werden und dass für deren sinnvolle Auswertungen kluge Lösungen mit Hilfe von Big Data-Anwendungen vonnöten sind. Als Beispiel nannte die Referentin die Datenmenge, die ein Inlandsflug einer Boeing 747 hervorbringt: 240 Terabyte. Voraussichtlich werden bis zum Jahr 2020 fünf Milliarden Menschen zwanzig Milliarden Geräte nutzen. Bis zum Jahr 2025 wird das weltweite Datenvolumen auf 163 Zettabyte zuwachsen. Eine Zahl mit 21 Nullen, die für den Menschen unvorstellbar ist.

Im Zentrum ihres Vortrages stand ein Szenario, das von drei Perspektiven ausging: Zur bisherigen physisch-materiellen Welt hat sich die digital-immaterielle Welt hinzuentwickelt. Letztlich entscheidend sei aber die Erfahrung mit der „mentalen Welt“ (Ovtcharova). Diese umfasse den Umgang des Menschen mit dieser Veränderung. Es gehe um die kognitiven Fähigkeiten sowie um das Erfahren und Erleben: „Phantasie ist wichtiger als Wissen.“ Menschliche Wahrnehmung und emotionale Bindung seien essentiell: „Menschen haben ein Bauchgefühl, Rechner können das nicht.“ Die Informatikerin plädierte für ein menschenbezogenes Vorgehen.

Zugleich forderte sie mehr Offenheit, um mit diesem großen Wandel souverän umgehen zu können: „Probleme werden nicht mit der alten Denkweise gelöst.“ Big Data-Anwendungen seien vor allem eine gesellschaftliche Herausforderung. Man müsse sich verstärkt den Gestaltungen von virtuellen Realitäten, Echtzeitfähigkeiten und Algorithmen widmen. Jivka Ovtcharova ermutigte die Frauen und Männer aus den Betriebsräten, sich diesen Themen zu öffnen.

Als mögliche operative Umsetzung von Frau Ovtcharovas Appell präsentierte der Leiter des Forum Soziale Technikgestaltung im Anschluss vierzehn Handlungsempfehlungen für Betriebsräte („Big Data und die Auswirkungen auf die Arbeitswelt – Handlungsempfehlungen aus dem Forum Soziale Technikgestaltung“) (schroeter@talheimer.de).

 

Fünf Thesen zur Zukunft der Arbeit und zur sozialen Gestaltung von „Industrie 4.0“

These 1 Eine neue Anordnung bestehender Technologien

Seit längerem diskutieren Betriebsräte, Vertrauensleute, Beschäftigte in und mit der IG Metall sowie in Partnernetzwerken über die Chancen und Auswirkungen des Wandels der Arbeit hin zu „Industrie 4.0“. Dabei fließen unterschiedliche Erfahrungen und Gewichtungen in die Debatte ein. Die nachfolgenden Thesen versuchen den Diskussionsverlauf zu strukturieren. Die Thesen laden zu Kommentierungen, Widerspruch, Zustimmung und Weiterentwicklung ein.

Was ist neu an „Industrie 4.0“ bzw. „Arbeit 4.0“? Als neue Qualität lässt sich eine Bündelung von mehreren Faktoren benennen:

Seit mehr als zwei Jahrzehnten werden Arbeits- und Geschäftsabläufe von der Papierwelt in die Netzwelt übertragen, werden Maschinen mit Datensteuerung „intelligent“ gemacht und Produktionsprozesse kundenorientiert ausgerichtet. Der Übergang ins Netz (Digitalisierung) und die Organisation von Prozessabläufen im Netz (Virtualisierung) gelangen durch die technischen Verbesserungen in den Bereichen Softwareentwicklung, Speicherung und Breitbandnutzung immer optimaler. Unter „Industrie 4.0“ ist keine neue Technologie zu verstehen. Es handelt sich vielmehr um eine neue Anordnung und neue Kombination von technischen Bausteinen, die schon länger in Gebrauch sind. Das reicht vom Internet der Dinge über Cloud Computing bis hin zur menschenähnlichen Robotik. Diese Einzelbausteine müssen organisatorisch und technisch harmonisiert werden.

These 5 Auswirkungen von „Industrie 4.0“ auf die Gesellschaft

Der Wandel hin zu „Industrie 4.0“ stellt nicht nur eine betriebliche oder technische Herausforderung dar. Der Umbau der Arbeitswelt ist ein Thema mit hoher gesellschaftspolitischer Bedeutung. Die technische Vernetzung, die steigende „Intelligenz“ in Maschinen und Geräten, die sich beschleunigende Digitalisierung und Virtualisierung konfrontiert die Menschen mit zunehmender Abstraktion und Komplexität in Beruf und Alltag. Um Zugänglichkeit und Verstehen-Können zu stärken, müssen junge Menschen auf diese Anforderung in Schule und Ausbildung vorbereitet werden. – Ein weiterer Aspekt mit gesellschaftlicher Auswirkung stellt die zu erwartende steigende Anzahl der freien „Clickworker“ dar. Die Sicherheit in der Lebensplanung lässt ebenso nach wie in der Familien- und Kinderplanung. Unsere Gesellschaft benötigt deshalb einen Dialog über soziale Standards für Einpersonen-Selbstständige, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stützen.