FST für Gestaltungsdialog mit der Open Source-Community

Wenn es im Zuge der voranschreitenden „digitalen Transformation“ der Arbeitswelten zu einem wachsenden Einsatz sogenannter „selbstlernender“ Software kommt, wird der klassische gewerkschaftliche Technikgestaltungsdiskurs auf eine harte Probe gestellt.

Denn die Anpassung der ASS („Autonome Software-Systeme“), wie sie etwa auch in „Watson“ hinterlegt sind, verlangt von denen, die gestalten wollen, erhebliche zusätzliche Kenntnisse und Kompetenzen. Nicht nur eine neue Qualität der „vorausschauenden Arbeitsgestaltung“ ist unabdingbar. Vor allem muss ein aktualisierter Gestaltungsansatz, den Mut, das Erfahrungswissen und das IT-Wissen aufweisen, die Interessen und sozialen Standards direkt in die Spezifizierung der Algorithmen-Entwicklung einzubringen. (Siehe dazu in diesem Blog die Posts zum „mitbestimmten Algorithmus“ und zur Demokratisierung generischer Algorithmus-Prinzipien).

Kolleginnen und Kollegen in Betriebs- und Personalräten brauchen für diesen Weg Unterstützung und ermutigende Assistenz. Es bedarf eines klugen Wissenstransfers zwischen gewerkschaftlichen und außergewerkschaftlichen Frauen und Männern aus der freien Open Source-Szene, aus demokratischen Graswurzelbewegungen (wie etwa des Chaos Computer Clubs bzw. Teilen der IEEE) und aus den Netzwerken der offenen IT-Entwickler-Communities.

Das gewerkschaftliche Personennetzwerk „Forum Soziale Technikgestaltung“ hat angesichts dieses Hintergrundes die jüngste Konferenz „OPEN 2017“ in Stuttgart mit rund 300 IT-lerinnen und IT-lern für eine Dialogeinladung genutzt. Es solle unter dem Dach regionaler Netzwerke ein Gestaltungsdialog zwischen gewerkschaftlichen Communities mit den freien Open Source-Communities angestoßen bzw. intensiviert werden.

Besondere Gemeinsamkeiten der möglichen Dialog-Akteure liegen im Eintreten für Datenschutz und Datensicherheit, im Schutz der Privatheit und im Widerspruch gegen Datenmonopole im Netz. Nun gilt es, über Spielregeln für partizipative Demokratisierungsmöglichkeiten von Algorithmen nachzudenken.

 

Schutz der Privatheit bedeutet Schutz der Demokratie

Wer kennt sie nicht die eifrigen Verführungen zum bereitwilligen Übermitteln persönlicher Daten. Da wird die persönliche Gesundheit mit Schritt- oder Pulszählern „optimiert“, Herzfrequenzen und Insulinangaben „gepostet“, familiäre Bilder und Informationen in Social Media-Plattformen zugänglich gemacht. Per Handy-GPS lassen sich Bewegungsbilder erstellen. Mit dem Zusammenführen von Links und „Likes“ werden Beziehungs- und Bekanntschaftslinien transparent. Im Supermarkt lässt das Pay back-Modell Kundenverhalten und Kundenprofile zu wertvollen Zielgruppenidentifikationen erwachsen.

Die Liste lässt sich fortsetzen, denn das „Lifelogging“ – das Vermessen von Alltags- und Lebensverhalten – wird um das betriebliche „Worklogging“ (Schröter) ergänzt. Neben direkten Mitarbeiterdaten und Profilen entfalten sich Profile aus indirekten Daten (Armbänder von Beschäftigten zeigen Raumwechsel, Geschwindigkeiten, Raucherpausen, Leistungsvermögen, undundund). Sie erlauben unsichtbare Rankings.

Wenn nun arbeitsweltbezogene Daten mit Freizeit- und Gesundheits-, Mobilitäts- und Konsumdaten verschmelzen, werden im aggregierten Profil immer mehr die Trennungen von Arbeit und Freizeit, von Beruf und Privatheit aufgehoben. Diese Tendenzen erfordern nicht nur einen verbesserten Arbeitnehmerdatenschutz sowie einen bürgerbezogenen „Identitätsschutz“ (Schröter). Noch ein weiterer Aspekt gewinnt an Relevanz:

Es ist dem Philosophen Jürgen Habermas hoch anzurechnen, dass er die Bedeutung des Schutzes der Privatheit für die Demokratie hervorgehoben hat. Zu Recht unterstreicht er, dass die verfassungsrechtlich gesicherte Privatheit von Bürgerinnen und Bürgern einen wichtigen Baustein im Fundament der Demokratie darstellt. Wenn durch digitale Vernetzungen faktisch die Privatheit beeinträchtigt wird bzw. werden kann, besteht die Gefahr, dass die demokratische Gesellschaft Schaden nimmt.

Eine soziale Gestaltung von 4.0-Arbeitswelten sollte den Schutz der Privatheit im Blick behalten.